Was ist ein Elder? Was mir ein Interview über Weisheit, Bescheidenheit und das Zuhören beigebracht hat
👉 Das Wichtigste in Kürze
- Ein Elder zu sein, hat nichts mit dem Alter zu tun – es ist eine Frage der Haltung.
- Bescheidenheit (Humility) ist das Fundament. Wer sich selbst als Elder bezeichnet, ist meistens keiner.
- Ein Elder gibt keine Antworten – er hilft dem anderen, seine eigenen Antworten zu finden. Sehr nah am Konzept des Coyote Teaching.
- Die sieben Lehren des Großvaters: Bescheidenheit, Mut, Ehrlichkeit, Wahrheit, Liebe, Weisheit, Respekt.
- Ein Elder wird von der Gemeinschaft erkannt – nicht von sich selbst ernannt. Ohne Gemeinschaft gibt es keinen Elder.
- Die Würfel-Metapher: Jeder sieht von seinem Platz aus etwas anderes. Erst zusammen sehen wir das Ganze.
Ich habe vor ein paar Wochen ein Interview gesehen.
Eines dieser Gespräche, die du anschaust und danach zunächst eine Weile sitzen bleibst. Nicht weil etwas spektakulär gewesen wäre. Sondern weil etwas in deinem inneren Bild verrutscht ist.
Barbara von der Wildnisschule "WIR – Kinder der Erde" hatte einen Mann interviewt. Sein Name: Serge Gaganon. Sein spiritueller Name: Little Wolf. Er gehört zum Hirsch-Clan und identifiziert sich als Métis – ein Mensch mit gemischten indigenen und europäischen Wurzeln in Kanada.
Das Thema des Gesprächs war eine ganz einfache Frage:
Was ist ein Elder?
Ich hatte mir diese Frage nie wirklich gestellt. Ich hatte ein klares Bild im Kopf – und ich war ziemlich überzeugt davon, dass es stimmt.
Das ganze Interview kannst du dir hier ansehen: Interview mit Serge Gaganon – Wildnisschule WIR – Kinder der Erde. Es lohnt sich.
In diesem Artikel teile ich, was das Interview mit mir gemacht hat. Und welche Fragen ich dir am Ende mitgebe.
Mein altes Bild vom Elder
Wenn ich früher an einen Elder dachte – an einen Ältesten –, sah das so aus:
Ein sehr alter Mann. Allein in einem Zelt. Weise. Still. Ein bisschen unnahbar.
Wenn junge Menschen große Fragen hatten – Lebensfragen –, durften sie zu ihm. Und er sprach. Und was er sagte, stimmte.
Oder eine alte Frau, abseits des Dorfes. Kräuter an der Wand. Ein Feuer. Kluge Augen. Zu der ging man, wenn man nicht weiter wusste.
Das war mein Bild.
Und ein Teil davon stimmt. Der Teil mit dem Zuhören, mit dem Beraten, mit der Weisheit.
Aber eines stimmt überhaupt nicht.
Das mit dem Alter.
Ein Elder hat nichts mit dem Alter zu tun
Das ist der erste Satz, der mein altes Bild zum Wackeln gebracht hat.
Serge sagt es ganz klar:
"Es gibt junge Menschen, die gut zuhören. Die nachdenken, bevor sie handeln. Die andere nicht in eine Richtung drängen, sondern ihnen helfen, ihren eigenen Weg zu finden."
Und es gibt alte Menschen, die das nie gelernt haben.
Ein Elder ist keine Frage der Jahre. Es ist eine Frage der Haltung.

Das ist ein wichtiger Punkt. Wir verbinden in unserer Kultur Alter automatisch mit Weisheit – und das ist eine bequeme Annahme.
Wer 80 ist, hat 80 Jahre Lebenserfahrung gesammelt. Aber 80 Jahre Lebenserfahrung machen aus dir noch keinen weisen Menschen. Du musst diese Erfahrung auch verarbeitet haben. Du musst zugehört haben. Du musst manchmal innegehalten haben, statt einfach weiterzumachen.
Sonst sind 80 Jahre einfach 80 Jahre.
Die wichtigste Eigenschaft: Bescheidenheit
Und dann kommt der Satz, der mich am tiefsten getroffen hat.
Serge sagt: Wer sich selbst als Elder bezeichnet, ist meistens keiner.
Es gibt kein Diplom dafür. Keinen Kurs. Keine Zertifizierung.
Ein Elder wird von der Gemeinschaft erkannt. Nicht von sich selbst ernannt.
Und das Fundament von allem ist Bescheidenheit. Humility, wie Serge es nennt.
Nicht Selbstverleugnung. Nicht Unsicherheit. Sondern diese stille, feste Haltung: Ich stelle mich nicht über andere. Ich stelle mich neben sie.
Ich finde das in einer Zeit, in der so viele laut sagen "Ich bin Experte, ich weiß es besser, folgt mir" – außerordentlich erfrischend.
Vor allem als jemand, der selbst in der Wildnispädagogik arbeitet und ein Publikum hat. Da besteht ständig die Versuchung, sich auf das eigene "Wissen" zu stellen. Auf das eigene Bühnen-Ich. Auf die eigene Position.
Wenn ich Serge zuhöre, merke ich: Das wäre kein guter Weg. Mehr dazu, warum ich Wildnis-Mentor und nicht "Survival-Trainer" bin, habe ich in meinem Artikel über Wildnis-Mentor werden geschrieben – das passt zu dieser Haltung.
Was ein Elder wirklich tut
Hier wird's für mich richtig interessant.
Ein Elder, sagt Serge, ist kein Antwortgeber. Er ist ein Begleiter im Denken.
Wenn jemand zu ihm kommt mit einem Problem, einer Frage, einer Entscheidung – dann gibt er nicht einfach eine Antwort. Er spielt Szenarien durch. Er zeigt Möglichkeiten. Er hilft der anderen Person, selbst zu erkennen, was für sie stimmt.

Wer sich mit Wildnispädagogik beschäftigt, hört bei dieser Beschreibung sofort eine bekannte Glocke läuten: Das ist Coyote Teaching.
Nicht die Antwort geben. Den anderen zur Antwort führen. Fragen stellen, statt Antworten zu servieren. Die Neugier des anderen wecken, statt sie mit Wissen zu erschlagen.
Das ist eine alte indigene Lehrweise, die auch in der modernen Wildnispädagogik ihren festen Platz hat.
Und dann sagt Serge noch etwas, das in unserer hektischen Zeit fast revolutionär klingt:
Ein Elder trifft keine überstürzten Entscheidungen.
Er hält inne. Er reflektiert. Er fragt sich: Was sind die Konsequenzen?
In einer Welt, die uns ständig zur Sofortreaktion treibt – Nachrichten, Social Media, der nächste Reiz, die nächste Meinung –, ist das fast ein Akt des Widerstands.
Innehalten. Nachdenken. Dann handeln.
Wenn du dich auch dabei ertappst, ständig schneller zu werden, statt langsamer, schau gerne in meinen Artikel über den Fluch der Selbstoptimierung. Da habe ich darüber geschrieben, wie diese Beschleunigung uns zerreibt.

Die sieben Lehren des Großvaters
Serge spricht im Interview über die sieben Lehren des Großvaters – sieben Eigenschaften, die man braucht, um ein guter Mensch zu sein.
Ich teile sie hier nicht als trockene Liste, sondern als Einladung zum Nachdenken:
Bescheidenheit (Humility). Das Fundament von allem. Sich nicht über andere stellen.
Mut (Courage). Nicht der Mut des Helden – sondern der Mut, morgens aufzustehen, zu sprechen, zu handeln, auch wenn es unbequem ist.
Ehrlichkeit (Honesty). Zuerst zu sich selbst. Auch im Dunkeln, wo niemand zuschaut.
Wahrheit (Truth). Der Unterschied zwischen "meiner Wahrheit" – die immer subjektiv ist – und dem, was wirklich wahr ist.
Liebe (Love). Die Dinge mit dem Herzen tun. Das Positive in anderen suchen, auch wenn es länger dauert als das Negative.
Weisheit (Wisdom). Einen respektvollen Umgang mit der Erde pflegen. Nur nehmen, was man braucht. Genug lassen für die, die nach uns kommen.
Respekt (Respect). Der mit dem Respekt für sich selbst beginnt. Auch mal respektvoll Nein sagen können.
Ich finde diese sieben Dinge nicht fremd. Sie klingen nicht nach einer anderen Kultur, die mir nichts zu sagen hat.
Sie klingen nach etwas, das ich selbst anstrebe. Und meistens nicht erreiche. Und trotzdem weiter versuche.
Wenn du mehr darüber wissen willst, wie indigene Kulturen mit solchen Lehren leben, schau in meinen Artikel über 8 unterschätzte Fähigkeiten der indigenen Völker Amerikas.
Der Würfel im Kreis – mein Lieblingsbild
Und dann – zum Abschluss meiner Gedanken – eine Metapher von Serge, die ich nicht mehr losgeworden bin.
Er spricht darüber, dass Probleme am besten im Kreis besprochen werden. Alle sitzen im Kreis. In der Mitte liegt ein Würfel.
Jeder sieht von seinem Platz aus etwas anderes. Einer sieht drei Punkte. Einer sieht fünf. Einer sieht nur eine Fläche.
Keiner hat Unrecht. Jeder sieht seine Wahrheit.
Aber erst wenn alle reden – wenn alle beschreiben, was sie sehen – entsteht das Bild des ganzen Würfels.
Das ist für mich eines der schönsten Bilder für das, was Gemeinschaft bedeutet.
Nicht: Einer weiß es, die anderen hören zu.
Sondern: Jeder bringt seinen Blickwinkel mit. Und zusammen sehen wir mehr, als jeder Einzelne je sehen könnte.

Was das mit Naturverbindung zu tun hat
Und jetzt frage ich mich natürlich: Was hat das alles mit dem zu tun, worum es bei mir eigentlich geht? Mit Natur, mit Wald, mit Feuer und Kräutern?
Ich glaube: alles.
Denn der Elder – in welcher Tradition auch immer – ist jemand, der sich als Teil eines größeren Ganzen versteht. Nicht als Mittelpunkt. Nicht als Experte, der von oben herab erklärt.
Sondern als jemand, der zuhört. Der innehalten kann. Der anderen hilft, ihren eigenen Weg zu finden.
Das ist auch das, was die Natur uns lehrt, wenn wir wirklich hinschauen.
Kein Baum stellt sich über den anderen. Kein Vogel erklärt dem nächsten, wie man richtig singt.
Die Natur kennt keine Hierarchie des Besserwissens.
Sie kennt nur Kreisläufe. Verbindungen. Abhängigkeiten, die alle tragen.
Wer sich mit den Kernroutinen der Wildnispädagogik beschäftigt, erkennt schnell: Das, was Serge über Elder sagt, ist im Kern eine Naturanleitung und Lebensweise.

Meine zwei Fragen an dich
Wenn ich diesen ganzen Gedanken einen Sinn geben darf, dann diesen:
Frage 1: Wer in deinem Leben ist dein Elder?
Nicht unbedingt alt. Nicht unbedingt weise im klassischen Sinne.
Aber: Wer hört dir wirklich zu? Wer hilft dir, deine eigenen Antworten zu finden, statt dir seine zu geben? Wer ist bescheiden genug, um dir nicht sagen zu wollen, was richtig ist?
Denk kurz darüber nach. Vielleicht fällt dir jemand ein. Vielleicht auch nicht – und dann ist das auch eine wichtige Erkenntnis.
Frage 2: In welchen Momenten bist du selbst ein Elder für jemand anderen?
Diese Frage gefällt mir noch besser. Weil sie aus dem Konsumieren ein Tun macht.
Du musst dafür nicht weise sein. Du musst dafür nicht alt sein. Du musst dafür nicht mal das Gefühl haben, etwas Besonderes zu sein.
Du musst nur einmal in der Woche jemandem wirklich zuhören. Wirklich da sein. Nicht sofort eine Antwort haben, sondern Fragen stellen. Vielleicht ist das für jemand anderen schon ein kleiner Elder-Moment.
Mein Fazit
Ich habe dieses Interview gesehen und danach lange nachgedacht.
Weil es mein Bild verschoben hat. Nicht zerbrochen – verschoben.
Der Elder ist nicht der weise alte Mann im Zelt. Oder zumindest nicht nur.
Er ist jemand, der innehalten kann. Der zuhört. Der anderen hilft, zu sich selbst zu finden. Der sich nicht über die Gemeinschaft stellt – sondern in ihrer Mitte sitzt.
Und der weiß: Ohne Gemeinschaft gibt es keinen Elder.
Das finde ich schön. Und irgendwie auch wahr.
Wenn du das Original-Interview sehen möchtest – das volle Gespräch zwischen Barbara und Serge –, findest du es hier: Interview mit Serge Gaganon zum Thema Älteste auf dem Kanal der Wildnisschule WIR – Kinder der Erde.
Es lohnt sich. Und vielleicht verschiebt es auch in dir etwas. So wie bei mir.
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Autor des Ratgebers
Martin Gebhardt
Hey, ich bin Martin und ich bin Wildnis-Mentor. Auf meinem Blog lernst du die Basics sowie zahlreiche Details zum Outdoor-Leben. Schnapp dir meine 35 einfach umsetzbaren Survival-Hacks, um ab morgen nicht mehr planlos im Wald zu stehen. Lies mehr über mich auf meiner “Über mich”-Seite.
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